Zwei Besuche bei Bernhard Bosch

 

Heiko Balhorn berichtet von einem Besuch im April 

und dem nächsten im November 2003.

 

Bernhard Bosch konnte sein Buch noch in den Händen halten!

 

27. April 2003:

Liebe Kolleginnen, Kollegen, Freunde!

Ich muss Euch etwas erzählen!

Ich habe am vergangenen Sonntag, dem 27. April, wieder einmal Bernhard Bosch, unser Ehrenmitglied, besucht.

Es war ein Glück, diesen großen Mann noch einmal zu sehen und zu sprechen. Er ist 99 und wird im Januar hundert. Es wird sicherlich nicht mehr allzu viele Besuche bei ihm geben.

 

Für diejenigen unter den Mitgliedern unserer kleinen Gesellschaft, namentlich wohl für die Jüngeren, die mit dem Namen Bosch nicht viel verbinden, will ich ein wenig an ihn erinnern.

 

Bernhard Bosch: Eigentlich sollte er durchgängig in den Fußnoten linguistisch orientierter Beiträge zur Sprachdidaktik auftauchen. Denn wir Fachdidaktiker verdanken ihm viel. Er hat – schon Anfang der dreißiger Jahre und dann auch später – wesentliche Beiträge verfasst, ja man kann sagen: Er hat schon damals Grundzüge unserer heutigen Diskussion im Rahmen des Spracherfahrungsansatzes vorentworfen.

 

Die Tatsache, dass wir Spätgeborenen ihn so häufig vergessen, hat mehrere Gründe. Einer ist: Bernhard Bosch hat sich Anfang der dreißiger Jahre geweigert, die Auflage der Nazis, jüdische Autoren als Juden in seinen Schriften auszuweisen, zu befolgen. Dies war sein Ausdruck von Menschenachtung und Zivilcourage. Die Konsequenz war, dass seine Arbeiten lange nicht an gebührenden Orten, also in renommierten Zeitschriften erscheinen konnten.

 

Endlich –  1937 –  erschien seine Dissertation: „Grundlagen des Erstleseunterrichts“. Damit war er der Diskussion seiner Zeit weit voraus.

Der damaligen Auffassung etwa in Kultusministerien, das Erlernen der Schriftsprache sei als „Beibringen von Buchstaben“ zu bewerten. (Boschs Dankadresse an die DGLS am 8. 5. 1988), eine Auffassung, die noch heute in der zumindest  missverständlichen Bezeichnung „Lesen und Schreiben als Kulturtechniken“ überlebt, setzte Bosch schon damals seine These von den komplexen Akten einsichtigen Lernens entgegen, in denen das Kind im tätigen Umgang mit Schrift die Struktur der Schriftsprache denkend durchschaue.

 

Und man staune: Nach seinem Grundlagenwerk gab es  noch die aufgeblasenen Diskussionen um den synthetischen oder analytischen Leselehrgang und auch danach den endlosen Abschied von der Wortbildtheorie mit dem immer noch ausstehenden ‚letzten Lebewohl’.

Da versteht man einen Forscher und allemal den Menschen, der ab und zu sagt: „Schaut doch einmal her, das hab ich doch schon ....“

Bosch hat Recht. Seine Arbeit wurde von seinen nachkommenden Kollegen nicht wirklich und nicht angemessen gewürdigt.

 

Deshalb war es gut und richtig, dass der Arbeitskreis Grundschule 1984 einen Reprint der ersten Auflage von 1937 als Nr. 8 der Reihe „Forschungsbeiträge zur Grundschulreform“ herausbrachte.

Es war gut und richtig, dass unsere DGLS ihn im Mai 1988 zum Ehrenmitglied auf Lebenszeit ernannte. Und es war gut, dass Heinz Giese in der OBST-Reihe 1989 einen Band zusammenstellte, der Boschs „Diskussionsbeiträge zum Lesenlernen aus 50 Jahren“ enthielt.

 

Bernhard Bosch hat sich darüber sehr, sehr gefreut. Er war glücklich, seine Dissertation – noch einmal fast 50 Jahre später – in Händen halten zu können und sie in einer großen Auflage (ca. 20 000 Mitglieder des Arbeitskreises) bei potenziellen LeserInnen zu wissen.

 

Dass B. B. wichtig war und ist, wissen die LeserInnen seiner beiden Bücher. Dies wissen auch diejenigen unter uns wie Hans Brügelmann, Mechthild Dehn und viele andere, die sich sprachdidaktischen Fragestellungen als AutorInnen widmen:

 

Nach der Veröffentlichung eines Beitrages z.B. in einem unserer Jahrbücher bekam man Post. In klarer Handschrift – mit Füllfederhalter geschrieben –  rekonstruierte B. B. bestimmte Aspekte des Aufsatzes in großer Kennerschaft.

Er zeichnete – unterstützend – ihm wichtiges in eigenen Formulierungen nach, und schlug dann eine Brücke zu eigenen Beiträgen aus den dreißiger und vierziger Jahren: „Wenn Sie mögen, schlagen Sie doch mal in meinem Beitrag von 39 nach ...“

Solcherart Selbstverweise, die wir anderen uns wohl eher verbieten, seien ihm erlaubt. Ich bin ihnen (fast immer) nachgegangen. Und sie stimmten immer.

 

Jemand, der sich menschenverachtenden Auflagen entgegenstellt und deshalb sein Recht auf Veröffentlichung riskiert, der darf und soll – zudem in so sympathischer Form – an Zeiten erinnern, in denen dieses Recht durch staatliche und private Gewalt gebrochen wurde.

Er darf und soll auch auf das verweisen, was er damals erdachte und das aus verschiedenen Gründen nicht entsprechend gewürdigt wurde. – Bosch spricht in diesem Zusammenhang manchmal auch von ganz persönlichen Enttäuschungen und – sehr berührend in der Mai–Rede – von einem „Versagungstrauma von ehedem, das nun saniert ist“.

 

Ich habe ihn zum ersten Mal 1990 nach einem langen Briefwechsel in Kleve besucht. Seit 78 ist er emeritiert. Damals wie heute lebt(e) er in einer schönen geräumigen Wohnung voller Bücherwände mit Blick auf einen Park. Bei meinem zweiten Besuch fand ich vier große Bücherkisten vor – außen sauber mit Daten versehen: „Nehmen Sie sie mit. Ich habe aussortiert.“ Und wir trugen den Schatz gemeinsam in meinen Wagen. Zur Hälfte waren es Aktenordner mit Manuskripten und Fotokopien. Zur anderen Hälfte (natürlich) Fachbücher. Einige hatte ich schon selbst, nutze aber nun lieber seine Exemplare, weil mir seine Unterstreichungen zu  denken geben und ich mich an seinen spitzen und oft auch witzigen Randbemerkungen erfreue.

Übrigens: Für jedes neue Jahrbuch bedankt er sich mit einem Blumengutschein von Fleurop.

Eine Anmerkung, die für seine Akribie typisch ist, bezieht sich auf den Namen unserer Gesellschaft. In einer Mitgliederversammlung beschlossen wir – um auch die Wichtigkeit des Schreibens nach außen zu betonen – den Namen IRA–D (International Reading Association D(eutschland) durch DGLS  (Deutsche Gesellschaft für Lesen und Schreiben) zu ersetzen.

 

Bosch intervenierte sofort:

„Wie kann ein Fachverband für Lesen und Schreiben sich DGLS nennen? Ihr könnt doch den Anlaut von ‚Schreiben’ nicht als S abkürzen. –- Man sollte im eigenen Namen, den man sich selber ausdenkt, schon zwischen Graphem und Buchstaben unterscheiden.“

Solche Ungenauigkeiten sind ihm ein Dorn im Auge.

 

Bernhard Bosch hat Glück. Nach dem Tod seiner Frau 1995 und auch schon vorher sorgt Katarina für ihn.

Täglich mindestens sechs Stunden ist sie für ihn da. Gäbe es sie nicht – würde er in einem Pflegeheim leben müssen. Und man weiß, was das bedeuten kann.

Seit Jahren liest sie ihm vor: Zeitungen, Zeitschriften, Romane, Wissenschaft. Inzwischen genügen ihm bei ‚Wissenschaft’ die Inhaltsverzeichnisse mit Autorennamen und manchmal auch die Literaturliste. Katarina sagt: Er freut sich eine ganze Woche lang auf einen Besuch. Immer wieder spricht er davon, fragt nach einem Anruf. Und auch hinterher. Das ist Stoff für viele Tage.

 

Ich bin wehmütig abgefahren. Mit großer Dankbarkeit für Katarina und mit bangen Gefühlen für ihn.

Ich habe ihm in die Hand versprochen, dass ich ihm den neuen Bosch-Band mit seiner ausführlichen Bibliographie persönlich vorbeibringe.

Er soll im August vorliegen. Hoffentlich. Die Zeit drängt.

 

Nachtrag. September 2003:

 

Es hat geklappt. Es ist September geworden. Aber das Buch ist da!

Heinz Giese, der Herausgeber, hat eine Widmung hineingeschrieben und ich hab mich auf den Weg nach Kleve gemacht.

Es war fast wie beim letzten Mal.

Er ist noch schmaler geworden, atmet schwer, spricht sehr leise.

Sein Schrittmacher hilft ihm. Aber er  hat das Buch als seines wahrgenommen, erkannt.

Ich bin mit Katarina sicher: Es war ihm ein großes Glück – ein Glück mit Tränen.

Allen, die mitgeholfen haben und besonders Heinz Giese sei Dank.

Es kam noch rechtzeitig – gerade noch.