Es begann im Jahr 1953 in München, wo der Student Franz Biglmaier seine Diplomarbeit zu dem Thema „Die Diagnostik der Lesefähigkeit – unter besonderer Berücksichtigung der amerikanischen Forschung“ schrieb, in der er Erfahrungen einer Studienreise in die USA aufarbeitete. Der Titel dieser Diplomarbeit war symptomatisch für die Zeit: In Deutschland existierten damals noch kaum einschlägige Veröffentlichungen zum Lesen- und Schreibenlernen. Solche gegenstandsbezogenen Arbeiten wie die von Bernhard Bosch, der schon in den späten dreißiger Jahren darauf hingewiesen hatte, dass die grundlegende Voraussetzung zum Erlernen der Schriftsprache die „Fähigkeit der Verdinglichung der Sprache“ sei, blieben außerdem zu dieser Zeit in Deutschland wenig beachtet.

So erstaunt es nicht, dass Franz Biglmaier auch nach der Beendigung seines Studiums an der Entwicklung der Leseforschung in den USA interessiert blieb und Arbeitskontakte zur International Reading Association (IRA) aufrecht erhielt. Der Wunsch, die amerikanischen Forschungsergebnisse in Deutschland bekannt zu machen, bewog Franz Biglmaier 1968 schließlich, die IRA-Sektion Deutschland zu gründen. Das war anfangs ein informeller Kreis interessierter Experten; hier trafen sich Hochschullehrer sowie einige Praktiker, sofern sie selbst empirisch oder konzeptionell mit Wissenschaftlern zusammen arbeiteten. In diesen Anfangsjahren wie wohl im gesamten ersten Jahrzehnt nach der Gründung des Kreises fanden hauptsächlich methodische Fragen des Lesen- und Schreibenlernens, aber auch die Diskussion um Legasthenie und Dyslexie das Interesse.

1973 endete der informelle Status der IRA – Sektion Deutschland mit der Gründung des gemeinnützigen Vereins gleichen Namens; dieser Verein definierte die Unterstützung von Forschung ebenso als ein Ziel seiner Arbeit wie die Vernetzung von Interessierten und die Ausrichtung von Tagungen und Fortbildungen. Dass die Etablierung des Vereins außerordentlich erfolgreich war, bewies die Tatsache, dass der Weltkongress der IRA schon im Jahr 1978 in Hamburg stattfinden konnte. Mit der Ausweitung des Tätigkeitsspektrums der IRA/D wurde zugleich wurde der Kreis der Interessenten größer; wenige Jahre später umfasste er schon mehr als einhundert Personen. Die veränderte Situation führte dazu, dass der damalige Präsident Oskar Lockowandt 1977 die Herausgabe einer ein- bis zweimal jährlich erscheinenden Schriftenreihe mit dem Titel „IRA/D – Beiträge“ begann, die als „Informations- und Diskussionsbasis“ für die Vereinsmitglieder gedacht war.

Die Lektüre dieser hektographierten Blätter, die Oskar Lockowandt übrigens in den ersten Jahren auch selbst herstellte, ist bis heute ein großer Gewinn. Hier wurden neben der Dokumentation von Fachtagungen und Fortbildungsveranstaltungen Beiträge zu jeweils virulenten Themen publiziert, und der heutige Leser wird erstaunt feststellen, dass viele der inzwischen bis zu einem viertel Jahrhundert alten Texte sich auf Themenfelder beziehen, die immer noch oder wieder von Interesse sind. So kann im ersten Heft aus dem Jahr 1977 ein Aufsatz von John Downing nachgelesen werden, in dem er sich auf sein Konzept der „kognitiven Klarheit“ beim Lesenlernen bezieht. Das besitzt bis in die Gegenwart hinein eine hohe Erklärungskraft für den Schriftspracherwerb. Im Heft des darauf folgenden Jahres sind übrigens in einem Text des gleichen Autors unter dem Titel „Die sozialen Ursachen der Leseschwäche“ Positionen fixiert, die lange vor PISA und IGLU entstanden und heute hoch aktuell erscheinen. Unbedingt empfehlenswert sind auch jene Texte, die Möglichkeiten kompensatorischer Erziehung diskutieren – eine Form pädagogisch positiver Berücksichtigung von Bildungsbenachteiligung, die in der Fachdiskussion der letzten zwei Jahrzehnte wohl zu Unrecht ad acta gelegt wurde.

Anzumerken bleibt, dass die „IRA/D-Beiträge“ ebenso wie die IRA – Sektion Deutschland einen beinahe familiären Charakter hatten. So zitierte Wolfhard Kluge anlässlich des 30. Jubiläums der DGLS 1988 Mechthild Dehn, die sich mit Blick auf die ersten Jahre nach Gründung der IRA-Deutschland daran erinnerte, dass „dieser kleine, beinahe geschlossene Kreis damals ‚über jede Person extra abstimmen’ musste. Es war also ein ‚Fach-Verein, bei dem die Mitgliedschaft fast so etwas wie eine Auszeichnung war’“. Daher verwundert es auch nicht, dass auf den letzten Seiten der „Beiträge“ die jeweils neuen Mitglieder von IRA/D persönlich begrüßt sowie die Adressen aller Mitglieder abgedruckt wurden. Eine solche Liste füllte gegenwärtig, bei einem Mitgliederstand der DGLS von mehr als fünfhundert, wohl eine eigene Ausgabe - und könnte darüber hinaus Auskunft über das breite Spektrum der heute hier vertretenen Berufe geben: Lehrer/innen und Erzieher/innen, Psychologen, Therapeuten, Sozialarbeiter, Heil- bzw. Sonderpädagogen, Fachleute der Schulverwaltungen, Seminarleiter, Lektoren, Studierende, Lehramtsanwärter/innen, Wissenschaftler/innen, ...

Neben vielen noch heute bedeutsamen empirischen Ergebnissen und konzeptionellen Überlegungen lässt sich den IRA/D-Beiträgen noch ein weiterer wichtiger Hinweis entnehmen: Das Interesse am Lesen- und Schreibenlernen war nun, anders als in den Anfangsjahren, nicht mehr hauptsächlich auf methodische Fragen oder auf das Dyslexie- bzw. Legasthenie-Konzept bezogen, sondern erheblich ausgeweitet: Zunehmend standen neben den sozialen Kontexten auch entwicklungspsychologische und didaktische Überlegungen ebenso wie Fragen der Qualität von Schule und Unterricht im Blickpunkt. Gegenwärtig bezieht sich die Aufmerksamkeit neben den Kindern mit Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb auf alle Kinder, auf Schüler/innen auch in oberen Klassenstufen, auf geeignete Unterrichtsmaterialen und Unterrichtsformen sowie auf Lehrer und Schule, auf Aspekte des lebenslangen Gebrauches von Schrift sowie auf gesamtgesellschaftliche Aspekte des Lesen- und Schreibenlernens.

1994 resümierten Hans Brügelmann und Sigrun Richter: „Zehn Jahre haben wir beobachtet und analysiert, wie Kinder schreiben lernen“. Mit dieser Anmerkung verwiesen sie deutlich darauf, dass sich seit der ersten Hälfte der 80er Jahre - über die Rezeption anglophoner Forschungsergebnisse hinaus - auch in Deutschland die empirische Erforschung des Lesen- und Schreibenlernens etabliert hatte. Möchte man grundlegende Modelle und Konzepte benennen, die seither bekannt wurden und schließlich auch die Unterrichtspraxis zu verändern begannen, sind unbedingt die Stufenmodelle des Schriftspracherwerbs zu nennen, nach denen nichtorthographische Schreibweisen von Kindern beim Lesen- und Schreibenlernen nicht als fehlerhaft, sondern als sinnvolle Konstruktionsversuche zu interpretieren sind. Diese Perspektive schließt ein, dass Kinder nicht erst zu kompetenten Schreibern „gemacht werden müssen“, sondern dass sie es auf jeweils verschiedenem Niveau bereits sind. Die hieraus folgenden Konsequenzen für die Lernstandsanalyse und die Gestaltung des Unterrichts haben die Grundschulpraxis bis heute nachhaltig beeinflusst und werden in den kommenden Jahren in Sonderschulen und Sekundarschulen weiterhin an Einfluss gewinnen.

Neben dieser Expansion der diskutierten Themen, dem Anstieg der Mitgliederzahlen sowie der allmählichen Wandlung des Vereins hin von einem Expertengremium zu einem umfangreichen Netzwerk von Praktiker/innen und Wissenschaftler/innen waren schließlich auch äußerliche Veränderungen wahrnehmbar: Die Geschichte der IRA – Sektion Deutschland endete 1984; jedoch nur dem Namen nach, denn in diesem Jahr wurde sie umbenannt in „Deutsche Gesellschaft für Lesen und Schreiben“ (DGLS). Seit Mitte der achtziger Jahren veränderten sich außerdem Zahl und Form der herausgegebenen Veröffentlichungen. Die Komplexität der nun interessierenden Themenfelder konnte nicht mehr erschöpfend in den IRA/D-Beiträgen aufgegriffen werden. In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind daher insgesamt vier verschiedene Publikationsformen entstanden: Seit 1986 widmen sich die „Jahrbücher“ der DGLS als Sammelbände jeweils konkret umrissenen Schwerpunkten. Die jährlich bundesweit stattfindenden Tagungen werden seit 1989 in den „Blauen Bändchen“ dokumentiert, und mindestens zwei Mal im Jahr erscheint die „Lesbar“, das Mitteilungsblatt der DGLS. Aktuelle Informationen zur DGLS, Texte zu unterschiedlichen Fragestellungen u.ä. sind darüber hinaus unter www.dgls.de im Internet erreichbar. Eine weitere – diesmal regionale – Ausweitung der DGLS – Aktivitäten resultierte schließlich aus der veränderten innenpolitischen Situation Deutschlands nach 1989: Seither konnte die DGLS auch in den östlichen Bundesländern Mitglieder gewinnen, und mehrere bundesweite DGLS - Fachtagungen haben seither im Osten stattgefunden.

Abschließend sei angemerkt, dass diese „Kurze Geschichte der DGLS“ unvollständig bleibt ohne die Geschichte der Entwicklung von Modellen und Konzepten des Schriftspracherwerbs und der zahlreichen Auseinandersetzungen um sie. Denn es existiert nicht eine klar umrissene Position der DGLS zu den grundlegenden Fragen des Lesens und Schreibens; die Heterogenität der durch die Mitglieder vertretenen Berufe und Arbeitsfelder bewirkt zugleich eine Heterogenität bezüglich der theoretischen Modelle und pädagogischen Praxiskonzepte. In wenigen Jahren wird die DGLS 40 Jahre alt; ein guter Anlass, diese Auseinandersetzungen unter dem Dach der DGLS nachzuzeichnen. Dass eine solche Aufgabe so reizvoll wie anspruchsvoll ist, darauf weist allein schon die Liste der bisherigen Präsidentinnen und Präsidenten der DGLS hin. Hier finden sich viele bekannte Namen, die mit dem Thema des Lesen- und Schreibenlernens in der Bundesrepublik eng verbunden sind.
Ada Sasse

Präsidentinnen und Präsidenten der DGLS

1968/69           Franz Biglmaier, Hochschullehrer

1969/70           Heinrich A. Müller, Hochschullehrer

1970/71           Wolfdietrich Siersleben, Psychologe

1971/72           Renate Valtin, Wissenschaftliche Assistentin

1972/73           Helmut Belser, Hochschullehrer

1973/74           Dietrich Eggert, Hochschullehrer

1974/75           Hans Meyer, Schulrat

1975/77           Michael Angermeier, Hochschullehrer

1977/79           Oskar Lockowandt, Hochschullehrer

1979/81           Dietrich Pregel, Hochschullehrer

1981/83           Franz Biglmaier, Hochschullehrer

1983/85           Kurt Meiers, Hochschullehrer

1985/87           Annelies Heinisch, Akademische Rätin

                      Hans Brügelmann, Hochschullehrer

1987/89           Gudrun Spitta, Wissenschaftliche Oberrätin

1989/91           Klaus-Burghard Günther, Dozent

1991/93           Gerheid Scheerer-Neumann, Hochschullehrerin

1993/95           Heide Niemann, Direktorin am Niedersächsischen Landesinstitut für
                      Lehrerfort- und Weiterbildung

1995/97           Inge Büchner, Dozentin am Institut für Lehrerbildung Hamburg

1997/99           Wolfhard Kluge, Hochschullehrer

1999/02           Ute Andresen, Grundschullehrerin im Hochschuldienst

2002/03           Heinz W. Giese, Hochschullehrer

2003/09           Renate Valtin, Hochschullehrerin

2009/11           Ada Sasse, Hochschullehrerin

2011/13           Renate Valtin, Hochschullehrerin

ab 2014           Alfons Welling, Hochschullehrer

 

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